Do, 28.8.12

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Ich kam gegen halb 4 nachts in MUmbai an. Ärgerlicherweise fuhr der Zug nur in einen Vorort Mumbais , weshalb ich eine teure Autoriksha zur Straßenbahn nehmen musste, was wieder „Bargaining!“ bedeutete… Ich habe langsam echt keine Lust mehr auf Taxifahrer und Händler, die versuchen mich über den Tisch zu ziehen. In der Straßenbahn versuchte ein total mit Alkohol oder einer anderen Droge vollgepumpter, schmuddelig-dreckiger Inder mich entweder zum Sex mit ihm oder mit einer Prostituierten zu überreden. Mumbais Slums sind voll mit Prostituierten.

Nachdem ich in Mumbai Churchgate angekommen war, versuchte ich in einem Hotel unterzukommen, nachdem ein Taxifahrer wieder viel zu viel Geld („Nachtzuschlag“ und er existiert wirklich) verlangte. Zum Glück kannte ich die Preise, weil ich mir angewöhnt hatte, Offizielle, wie Polizisten oder Bahnbeamte nach den gängigen Preisen zu fragen.

Das Hotel war ausgebucht, also versuchte ich es ein Stockwerk darunter. Die Sausäcke verlangten für die erste Nacht im einzig freien (Doppelbett)Zimmer 700Rs, die Zweite kostete 500Rs. Ich musste in den Sauren Apfel beißen, da es 5 Uhr morgens in der Früh war. Nachdem ich mich im „Zimmer“, welches aus 4 dünnen Trennwänden (ähnlich wie Raumteiler) und zwei Betten bestand, eine eigene Decke hatte es nicht (weder Zimmer, noch Bettdecke!), von oben wummerte ein Ventilator und blies Luft ins „Abteil“, häuslich eingerichtet hatte, machte ich mich auf die Suche nach dem Theobroma, der wohl besten Konditorei Indiens, und geriet in einen unglaublichen Monsun-Regen, der mich bis auf die Knochen durchnässte. Nach einer Weile fand ich das Theobroma , welches aber erst um 9 öffnete. Ich wartete anderthalb Stunden. Gegenüber befand sich ein Tempel und eine Art Mönch segnete mich, ohne dass ich ihn darum bat und wollte dass ich dem Tempel 100 Rupien (viel zu viel!!!!) spende, was ich aus Unwissenheit tat. Normalerweise 5-10 Rs… Es war aber auch eine schöne Erfahrung, ich bekam meinen ersten „Inder-Punkt“ und ein rot-orangenes Bändchen.

Im Theobroma war es eisigkalt. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als völlig durchnässt aus dem feucht-warmen Mumbai-Klima in einen überdimensionalen Tiefkühlschrank zu kommen. Die Kuchen-Theke ließ mich all meine SOrgen wegn meiner Gesundheit vergessen. Sämtliche Torten von Schokoladenreme, Schwarzwälder Kirsch, „7 Layers of Chocolate“, Black Currant Creme, Butterscotch-Hazelnut, Orange Juice Caake über Oreo-Brownies, Pistazien-Cardamom-Trüffel usw. gab es. UN-GLAUB-LICH!!!!!!!

Nach einem Cafe Mocca (mit „Macerato“ [kann mich nicht mehr erinnern was das war] und Hausgemachter Schokoladensauce am Boden des Glases), einem Cappuccino, „7Layers“, Chocolate-Opium-Torte und einem Pistazien-Cardamom-Trüffel war mir ungeheuer schlecht. Ich versuchte dem Zuckerschock mit einem weiteren Chicken-Mushroom-Ciche entgegenzuwirken, allerdings mit mäßigem Erfolg. Ich wollte nie wieder zuckerhaltige Lebensmittel zu mir nehmen.

Zuvor zeigte mir der Inhaber  stolz seine Auswahl und kündigte einen LKW voller Kuchen und Torten an, mit den Worten „Das ist noch lange nicht alles“. Die darauf folgende Prozession der Angestellten, die den LKW ausluden war mindestens so beeindruckend wie die mit Auszeichnungen gepflasterten Wände des kleinen Cafés (bzw. Konditorei). Der Konditor und Inhaber hatte an einer scheinbar berühmten französischen Konditor-Schule (natürlich in Frankreich) gelernt, wie ein Zertifikat neben der Kasse verriet.

Nach meinem Besuch im Theobroma rannte ich wahrlos in der Stadt umher, auf der Suche nach Märkten und einem Musikladen. Auf diese Weise lernte ich Gaurav Singh kennen, den ich zuerst für einen Schlepper hielt, ihn aber glücklicherweise nicht abblitzen ließ.

Gaurav ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich in Indiens Straßen kennengelernt habe. Gaurav wurde vor 23 Jahren in Nepal geboren, seine Eltern begingen Selbstmord, als er zweieinhalb Jahre alt war. Er wurchs bei Großmutter, Tante und Onkel auf, wovon ihn letzerer hasste. Er lief mit 12 Jahren von „Zuhause“ weg und lebt seitdem auf der Straße. Er arbeitet als Koch und sein Traum ist es, nach Europa auszuwandern, doch fehlt es an Geld und noch viel mehr an wichtigen Dokumenten, wie Pass, etc. Ohne Dokumente, keine anständig bezahlte Arbeit, kein Visum, kein Bankkonto, keine Wohnung, nichts. Kein Geld: Keine Dokumente.

Um ehrlich zu sein dauerte es eine ganze Weile, bis ich ihm traute. Er sprach mich auf einem Platz in Mumbai an und wollte nur mit mir Englisch reden. Er brachte sich Englisch innerhalb von zwei Jahren selbst bei und stellte sich außergewöhnlich gut dabei an. Sein Englisch war zwar, was Grammatik und Vokabular anging, mehr schlecht als recht, doch grandios, wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass er sich die Sprache  nur durch Konversationen mit Touristen angeeignet hatte. Wenn er sich nicht mit Touristen trief arbeitete er als Koch, doch er hatte nicht jeden Tag Arbeit, was jedem Menschen einen Haufen Sorgen bereiten würde und Gaurav ist da keine Ausnahme.

Wir besuchten den Musikladen Furtado und den Frucht-Fleisch-Gewürzmarkt, wo wir eine kleine Ananas kauften. Sie war ungeschält, normalerweise schälen die Händler die Früchte vorort gegen einen unverschämten Aufpreis. Im Musikladen ließ ich mir einige Rechtshänder-Sitars zeigen und spielte auf einer weniger tollen Lefthand-E-Gitarre. In dem Laden war auch ein Bassist, der mit einem Angestellten des Ladens begann zu jammen, kurz darauf wurde ich als Drummer ins Boot geholt und ich kann behaupten: Ich schlug mich garnicht mal so schlecht, wie ich fand und erntete etwas zu viel Lob für meine eher bescheidenen Künste als Trommler. Ich zeigte Gaurav ein paar Gitarrenakkorde, wobei er bewies, dass er ein äußerst vielseitiger und geschickter Mensch war.

Nach dem Besuch im Musikladen gingen wir zu einem Chai-Stand, an dem sich Gaurav mit seinen Freunden zu treffen pflegte. Dort lernte ich Nick, Gauravs nepalesischen Leidensgenossen kennen, mit dem ich mich über den (meiner Meinung nach) brotlosen Beruf des Fotografen unterhielt.

Es folgte ein weiterer Besuch beim Theobroma und ich gönnte Gaurav eine Überdosis Torte, denn das war das, was er verdiente. Wir brachen nocheinmal zum Musikladen auf, nachdem ich in einem kleineren  Shop ein Tabla-Set angespielt hatte. Dort erzählte mir der Verkäufer von einer Schule für traditionelle indische Musikinstrumente, da ich Infos zu Qualitätsunterschieden bei Tablas und Sitars suchte.

Gaurav und ich redeten an diesem Abend viel und ich erfuhr von seiner ersten Erfahrung mit Liebe. EInige Tage oder Wochen zuvor hatte er eine Holländerin kennengelernt; sie wollte etwas „Spass“ und er verliebte sich unsterblich in sie. Sie bereisten Goa und beim Abschied weinte sie, sagte ihm aber, dass er sie vergessen müsse. Sie chatten und telefonieren jedoch regelmäßig, die Dame scheint voller Widersprüche zu sein.

Am Abend sahen wir uns im Kino nocheinmal Expendables 2 an, da ich mich nur Schemenhaft an den Actionstreifen erinnerte.

Gaurav schlief auf der Straße, ich konnte ihn auch nicht mit ins Hotel nehmen: Ohne Pass – kein Hotelbett.

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Über Niko

For Saurabh: "Once you asked me how my journey to India would affect my life in my western home country...I can tell you now: It changed my thinking subconsciously, my behaviour, my outlook on life and the world as a whole. It changed my personality and strengthened my character. But still I am the same person. But I know: If I lose everything - there is a place in the world that will calm me down and cushion me. It's like having a second home..."

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