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Di, 31.7.: Ein Tag in Delhi voller Durcheinander

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Di, 31.7.12

Der Tag begann mit Regen und einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude. Nach einer zwar durch viele Unterbrechungen geprägten, aber erholsamen Nacht im „dritten Stock“ putzte ich mir die Zähne und setzte mich zu meinen muslimischen Freunden, die ich sehr zu schätzen und mögen gelernt hatte. Einer der Lieben schenkte mir zum Abschied ein sehr gutes und bestimmt wertvolles orientalisches Parfüm, wodurch ich mich sehr geehrt fühlte. Das Geschenk verstärkte aber auch mein Reuegefühl, weil ich behauptet hatte verheiratet zu sein und dass meine Gemahlin zuhause mit Nachwuchs im Bauch auf mich wartete. Am Vortag wurde ich von einem der Älteren und Suleyman geweckt, weil die Beiden den Kontakt per Mail mit mir halten wollten. Was haben wir gelernt? Befolge nicht jeden Rat eines „Experten“, der schlaue Bücher über fremde Kulturen schreibt und Lügen haben äußerst kurze Beine. [Bisher habe ich keine Mail von ihnen bekommen.]

Als wir am Bahnhof von Nizzamuddin (Delhi) ankamen war es feuchtwarm und es regnete. Meine muslimischen Freunde und ich verabschiedeten uns von dem Mathematikprofessor, der noch 200km weiter in den Norden musste, nach Uttarakhand, wo er „sehnsüchtig erwartet“ wurde, wobei ich mir nicht sicher war, ob seine stets verschmitzten grinsenden Freunde seine Frau oder seine Studenten meinten…

Der Kontakt zu Saurabh, meinem Freund aus Delhi, gestaltete äußerst schwierig, da der Akku meines Handys wiedereinmal leer war und zudem aus unerdenklichen Gründen das Handynetz (Vodaphone) IN DELHI nicht funktionierte. [Später sollte sich herausstellen, dass die Regierung spontan beschlossen hatte, dass jedes Handy nur noch 5 Sms pro Tag versenden darf.]

Abdulhamed und seine Freunde halfen mir Saurabh zu kontaktieren und warteten sehr lange mit mir, weil er sich sehr verspätete (was, wie sich später herausstellte, nicht seine schuld war), verabschiedeten sich aber dann doch. Abdulhamed wartete am längsten mit mir im Regen. Nachdem ich mir weitere 20min in den Bauch gestanden hatte, es war nun 8 Uhr morgens, also wartete ich etwa eine Stunde, tauchte Saurabh dann endlich auf und entschuldigte sich. Wir verstanden uns „im echten Leben“ ebenfalls prächtig, zuvor hatten wir jede Menge Sms geschrieben. Wir nahmen uns eine Autoriksha und fuhren als erstes zum Connaught Place, wo wir uns ins Coffee Day (Café-Franchise, ähnlich wie Starbucks) setzten, um meine Bus Connection zu kontrollieren, zu frühstücken und erstmal zu chillen. Nach einigen Anrufen bei Saurabhs Freunden und ersteinmal zahlreichen erfolglosen Versuchen mit Saurabhs Netbook ins Internet zu kommen, war klar, dass der 9-Uhr-Bus, wie es im Lonely Planet-Touristenführer stand, nicht (mehr?) existierte. Daher buchten wir einen Anderen und machten uns auf den Weg zu Saurabhs Bude, weil er um 14:30 einen Zug gen Heimat erwischen musste. Kaum saßen wir in der Autoriksha und waren 3m gefahren fiel mir auf, dass ich mein Handy im Coffee Day vergessen hatte: Es hing noch an der Steckdose zum Aufladen des Akkus! Saurabh hielt die Autoriksha an und kam 10min später mit dem Handy, samt Ladekabel zurück.

Saurabh teilt sich die Bude mit drei Freunden (Parul, Shashi und Mohit). Die Wohnung ist von innen ähnlich wie indische Häuser von außen: Etwas baufällig, staubig, unaufgeräumt und äußerst minimalistisch eingerichtet, aber es könnte wesentlich schlimmer sein. Saurabh packte schnell seine sieben Sachen, verschwändete noch ein wenig Zeit mit Telefonieren, dessen Sinn ich nicht ganz verstand. Zuvor weckte er einen seiner fest auf einer Matratze schlafenden Mitbewohner (Parul). Ich gönnte mir erstmal eine erfrischende, kalte Dusche, nachdem Saurabh verschwunden war, er schaffte es scheinbar doch noch zum Zug, trotz seiner wirklich massiven Verspätung. Nachdem ich mich nicht mehr wie ein Straßenköter fühlte und frische Kleidung angezogen hatte, unterhielt ich mich mit Saurabhs Mitbewohnern (Europa, Sport, Musik).

Wichtiger Einschub: Saurabh erleichterte übrigens mein Gewissen, indem er mir sagte, dass die muslimische Gruppe genau das hören wollte, was ich ihnen erzählt hatte.

Danach zeigten mir die Drei den Ausblick von der Dachterrasse und dem Balkon.

Im Anschluss machten sich zwei der drei und ich mich abreisefertig, weil wir nach einer Jacke für mich sehen wollten. [Ich hatte wirklich keinen blassen Schimmer, welches Wetter und welches Klima mich im Himalaya erwarten würde. Ich kann euch versichern: Im Juli/August würde ein Pulli reichen. Extraklamotten muss man sich nicht vorher kaufen, im Himalaya findet man zudem alles was man braucht.] Wir waren etwas spät dran, vor allem weil ich später bemerkte, dass mir per Sms mitgeteil wurde, dass der Abfahrtsort geändert wurde und sich die Abfahrtszeit um 15min vorverlegt wurde!

Wir fuhren mit der Metro zu einem Markt am Connaught Place, wo einer der Beiden mir eine Jacke auf 1600 Rs herunterhandelte. [Abgezockt! Im Nachhinein hab ich mich SO geärgert für das Geld eine solche Jacke gekauft zu haben… eieiei. Aber aus solchen Fehlern lernt man.] Wir hatten noch eine halbe Stunde und machten uns auf die Suche nach einem CD-Laden, fanden aber nur eine Art Straßenstand, der für seine Milchshakes bekannt war (leckerleckerlecker…). Ich gönnte mir einen Butterscotch –Shake und nahm einige Sandwiches für die Fahrt mit.

Und nun begann das Drama: Keine der Autorikshas wollte uns zum abfahrtsort der Busse fahren! Nach ca. vergeblichen 7 Versuchen eine Autoriksha zu bekommen, entschieden wir uns mit der Metro zu fahren. Wir hatten keine 15 Minuten mehr! Mir blieb fast das Herz stehen, als ich die Schlangen am Bahnsteig sah.  [Schlangen am Bahnsteig – ein Anblick zum Grinsen, wenn man nicht gerade Angst hat, in einer unbekannten, total verwirrenden Stadt zu versacken.] Meinen Rest Zuversicht verlor ich, als ich die komplett vollgestopfte Bahn sah. [Lieber Leser, so was hast du noch nicht erlebt, wenn du noch nicht in Delhi warst!] Wir quetschten uns irgendwie in den Waggon und fuhren 6 ewig lange Stationen. Dort angekommen riefen wir die Bus-Hotline an, erfragten die Adresse und bestiegen zu dritt, nein, zu viert plus Gepäck, eine Fahrrad-Riksha, mit der wir im Schneckentempo Richung Bus rollten. [Dieses Bild wäre das Sahnehäubchen für die filmreife Hetzjagt nach dem Bus. Der Rikshafahrer stand auf den Pedalen, Parul saß rückwärts(!) auf dem Fahrradsattel, Shashi und ich quetschten uns mit meinen zwei Rucksäcken auf die eigentliche Fahrgastbank.]

Nach einer ewiglangen Fahrt kamen wir endlich an. Zwischendurch ging es ein ganzes Stück bergauf und wir überlegten, ob wir vielleicht absteigen und anschieben sollten. Das letzte Problem, was es zu lösen gab, war es, den richtigen der 15 Busse (mit Hilfe eines weiteren Anrufs bei der Hotline) ausfindig zu machen. Am Ende schaffte ich es doch noch und trrat meine Reise an. Ein wahres Wunder.

Der Busfahrer hupte dermaßen und äußerst unnötig oft, dass ich Kopfschmerzen davon bekam. Der viel zu laute Fernseher, auf dem ein Bollywood-Film lief, den ich leider teilweise schon kannte, weil ich ihn auf der Fahrt von Mumbai nach Goa schon einmal sehen musste, verbesserte mein Befinden auch nicht wirklich. Spontan wurde mir gesagt, dass wir demnächst anhalten müssten, um den Bus zu wechseln, allerdings überlegte es sich der Koordinator scheinbar doch anders.

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