Archiv der Kategorie: Zugreise nach Delhi

Mo, 29. – 31.7.12, Abdulhamed der Blaue

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DCIM100GOPRO

Nach einer sehr netten Unterhaltung mit einer Großfamilie aus Maharashtra fühlte ich mich sehr unwohl, so hatte ich meine erste Erfahrung mit Semi- und echten Stehklos… [wie im Vorletzten Artikel schon erwähnt: Die Süßigkeiten rächten sich.] Zur selben Zeit verließ mich die Familie und ein sehr netter Moslem mit seinen männlichen Gefährten setzte sich zu mir. Erst war ich etwas enttäuscht, weil ich gefragt wurde, ob es möglich sei mit einem ihrer Freunde den Platz zu tauschen, da dieser ein Bett im Waggon dahinter reservieren musste – Indiens Züge sind wirklich schnell ausgebucht. Ich willigte selbstverständlich ein, meine Magenkrämpfe hatten auch etwas nachgelassen. Schnell stellte ich fest, dass die Freundlichkeit der muslimischen Reisegruppe wirklich von Herzen kam; der jüngere in blau gekleidete Moslem half mir beim Tragen meines sehr schweren Trekkingrucksacks und versprach am nächsten Morgen auf ein Schwätzchen vorbeizukommen.

Alle trugen Traditionelle Gewänder in Weiß, denn es war Ramadan. Bis auf den Jüngeren und meinen Tauschpartner, der in grau-braun gekleidet war. Später ließ ich mir erklären, dass alle Propheten weiß trugen, doch mit grauen, blauen oder braunen Gewändern lässt es sich einfach besser reisen. Der Jüngste, wahrscheinlich um die 16 Jahre, trug schwarz mit weißen Punkten. Ausnahmslos trugen sie kleine weiße gehäkelte Käppchen und, bis auf den Jüngsten, lange Bärte.

Ich schlief erstaunlich gut und gegen 9 kam „der Blaue“ tatsächlich und fragte, ob ich meinen alten Platz wieder wollte, da „der Braune“ in einigen Stationen den Zug verlassen würde. Ich folgte ihm zu meinem alten Abteil und hatte eine tolle Unterhaltung mit dem netten Haufen. „Der Blaue“, dessen Name eigentlich Abdulhamed ist, erzählte mir, dass er zum Studieren nach Australien gegangen war und nun dort seit fast 10 Jahren lebte. Wir sprachen über die Unterschiede von indischer und westlicher Kultur, bis „der Braune“ aussteigen musste. Ich erfuhr, dass der Älteste (der dadurch auch besonders respektvoll behandelt wurde) den Namen des Architekten des Taj Mahal trug und der Hagere mit der Brille als Professor der Mathematik arbeitete. Ein Anderer arbeitete als IT-Professor.

Die Gruppe war wirklich unglaublich nett und freundlich und erzählte mir viel über den Islam, dessen Lebensphilosophie und deren Unterschiede zum Christentum. Sie gaben mir ein Buch zum Lesen, in dem ich teils aus Höflichkeit, teils aus Interesse ein wenig las. Es handelte sich um wichtige Auszüge aus dem Koran.

Süleyman war es, der mich fragte, ob ich denn Verheiratet sei. Wie den meisten anderen Reisenden erzählte ich, dass ich verheiratet sei, meine Frau wäre daheimgeblieben, weil die Reise mit zu großen Strapazen verbunden sei. Warum ich vielen diese Lüge auftischte hatte einen einfachen Hintergrund: Viele Inder verstanden es einfach nicht, warum Europäer in meinem Alter noch nicht verheiratet seien oder gar eine Freundin hatten und nicht den Bund der Ehe [……wort???…….]  Um umständlichen Erklärungen, die zu 99% sowieso nicht verstanden wurden, machte ich es mir eben etwas einfacher… Bei meinen muslimischen Freunden, die sich erst im Nachhinein als äußerst Modern herausstellten hatte ich jedoch ein sehr schlechtes Gewissen, denn ich bekam Segenswünsche und wurde aufgeklärt, dass ich im Verhältnis zu indischen Moslems doch sehr früh verheiratet wäre. Am Ende der Zugfahrt wurde mein schlechtes Gewissen noch weiter verstärkt – aber das werde ich später ausführen.

Die Reisegruppe lud mich zu ihrem Ramadan-Festmahl nach Sonnenuntergang ein, welches hauptsächlich aus Obst bestand: Bananen, Wassermelone, Granatäpfel und frische Datteln!

Frische Datteln habe ich noch nie nie nie gegessen. Sie sind äußerst saftig und süß, das Beißgefühl ist dem von sehr kleinen knackigen Äpfeln ähnlich, aber irgendwie zarter und sie hinterlassen ein äußerst pelziges Gefühl auf der Zunge. Man kennt dieses Gefühl von nicht reifen Früchten…

…Später stellte sich heraus, dass die Früchte nur die Vorspeise gewesen war. Es folgte ein Kartoffel-Curry mit Dhussera. (?)

Die Gruppe ist sehr fromm und betet vier Mal täglich. Die Landschaft hatte sich über den Tag von graubraun und trocken zu feucht und grün verändert, es regnete ab dem Mittag durchgängig. Nach Bananenfeldern und Djungel folgte eine Landschaft, die an deutsche Wiesen mit großen Bäumen erinnerte, die mit Flüssen durchzogen war. Am frühen Morgen mussten wir bei Pune gewesen sein, abends etwa bei Bhopal.

 

Der „Thumbs-Up-Berg“ 😉

 

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29.7., ca. 17:00, wieder im Zug

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Vor ca. einer Stunde habe ich mich wieder in den Zug gesetzt, in dem es zuerst gähnend leer war, zumindest für indische Verhältnisse. Wir sind zum zeriten mal an Indiens zweitgrößten Wasserfällen vorbeigefahren; diesmal konnte ich wirklich tolle Aufnahmen machen.

Kurz danach wurde der Waggon von einer riesigen Horde gröhlender junger Inder gestürmt (es waren mindestens 1000, wenn nicht gar mehr!), ich konnte mich gerade noch auf mein Bett in der dritten Etage retten, ca. 3-4m über dem Boden.

Leider wird es immer wieder dunkel, weil es hier von Tunneln nur so wimmelt! Den Schienenbauern war wohl langweilig… Jedes mal wenn es dunkel wird, fangen alle jungen Inder an zu heulen und zu jauchzen (weil es im Tunnel so schön hallt), man könnte meinen, ich würde mitten in einem Rudel mondsüchtiger Wölfe sitzen 😀

Leider sehe ich kaum etwas; nicht, weil wir wieder im Tunnel sind, sondern weil sich die Fahrgäste mittleriweile Stapeln und alle Fenster verdecken! 🙂

… Ich habe nocheinmal nachgerechnet, bis Delhi sind es doch 38 Stunden Zugfahrt, also noch mehr als anderthalb Tage… Dann in Delhi 3 Stunden Pause [was sich verzögern wird] und dann gehts nochmal für ca. 10-15 Stunden in den Bus!

Himalaya, ich komme.

 

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So, 29.7., Zwischenstop in Margao, Goa

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Als ich heute morgen in Margao ankam, putzte ich mir, wie alle Inder, im Bahnhof am waschbecken die Zähne und lief ein wenig herum, um ein Internetcafe, o.ä. zu finden. Nach kürzester Zeit tat mir mein Rücken aber so weh (mein Rucksack ist wirklich entsetzlich schwer!), dass ich mich in den Park von Magao setzte und ein wenig die Augen schloss. Die Zugfahrt war wirklich sehr anstrengend gewesen.

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[…]

Nach eineer langen Suche, die mit höllischen Rückenschmerzen verbunden war, fand ich endlich ein Internetcafe, wo ich mein Handy laden konnte (dabei geschah mir ein sehr peinliches Missgeschick: Ich schaltete ausversehen eine Steckerleiste aus und damit den PC meines Sitznachbarn…) und ich mich bei meinen Lieben melden konnte.

Auf dem Weg zum Bahnhof kaufte ich mir ein paar vermutlich stark überteuerte Süßigkeiten (5Rs pro Stück, also 50Rs), die hauptsächlich aus Zucker und Milch bestanden und nicht wirklich gut schmeckten.  Ich hoffe sie waren okay und ich bekomme keine Magen-Darm-Beschwerden.

[Später soll sich herausstellen, dass sie nicht „okay“ waren.]

28.7., Hubli um 22:00

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Nach einem ganzen Tag im Zug…

Gerade habe ich mein Gleis gefunden, auf dem mein nächster Zug nach Goa in der nächsten dreiviertel Stunde eintrudeln wird. Nachdem ich mich auf einen Sockel einer Säule gesetzt habe, entdecke ich wenige meter neben mir eine Art Wagen, auf der eine in Tücher gewickelte Person aufgebahrt ist! Eine Leiche, die nach Varanasi zum Ganghes gebracht wird? … Zum Glück bewegt sich der Mensch, als ich diese Zeilen schreibe… Er/Sie ist also (noch) nicht von sich gegangen…

Im Zug

Es interessieren sich wieder ein paar Leute für mich: Ein moslimischer Junge las meinen Reiseführer, ein älterer Mann versuchte auf Hindi mit mir zu reden, scheiterte aber … Wir tauschten die Betten, da seines auf der mittleren Ebene war und somit für ihn unerreichbar. Ich schlief verhältnismäßig gut und wurde von dem netten schielenden Alten 10 min vor Ankunft geweckt, denn der Zug kam zu früh an!